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11. September 2021

1. Sulzer Kulturtag

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Unter dem Gähnenden Stein

(Sulz 1848–1948)

Kapitel 3: Vom deutschen Wesen

Anzeige vom 12.10.1886 in der Sulzer Chronik. Stadtarchiv Sulz am Neckar

Foto: Ulrike Steinbrenner

1. Qual der Wahl

Sommer 1886, Brittheim, Bickelsberg, Sulz

Jahre später, als er seine vier Bäckereien versoffen und in der Spittelmühle in Rottweil Unterschlupf gefunden hatte, war dem Braner in nüchternen Augenblicken vieles klar: Warum hätte der Jogi sich melden sollen? Selbst wenn er nicht wusste, dass es nix zu erben gab, hätte er doch ein Gerichtsverfahren wegen Fahnenflucht riskiert. So wenigstens hätte ein harter Staatsanwalt sein Überleben deuten können. Das Aufgebot war übrigens stillschweigend niedergeschlagen worden, war doch dem Oberamtmann Kinzelbach nicht entgangen, dass die vorgeschriebene Ankündigungsfrist nicht eingehalten worden war.

Mit dem fehlerhaften Aufgebot hatte das Verhängnis seinen Lauf genommen. Wie von allen Handwerkern, so wurde auch vom Bäckermeister Johann Georg Braner erwartet, gelegentlich Kundschaft zu trinken. Und so saß er an einem Samstag im Mai im „Deutschen Kaiser“ in Brittheim und tauschte am Stammtisch Kindheitserinnerungen aus. Wie sie Vogelnester geleert und Stare abgerichtet hatten, Hasen, Tauben, ja Hunde gezüchtet, Fische geangelt, Fangeisen für Füchse und Dachse gestellt, Klebruten und Meisenschläge ausgebracht und die Vögel in Käfigen verkauft hatten. Mit Pulverhorn, Schrotgießer und einem alten Schießprügel von 1848 hatten sie hantiert, Ratten und Wildenten damit erlegt: Es ging hoch her. Dem Braner wurde leicht schwindelig, er kannte das alles nur aus den Prahlereien des Jogi, war selbst nie eingeladen worden mitzutun. Da kam der Jogi zur Tür herein.

Der Braner erkannte ihn sofort. Aber nein, der da hereinkam, und sich etwas abseits setzte, um zu speisen, war der Betreiber der kürzlich errichteten Sternwarte von Brittheim, ein gewisser Kaspar Loser, der Hochdeutsch mit englischen Brocken sprach, aber nie über sich selbst. Und hatte er nicht auch für einen Wimpernschlag gezögert?

Für den Todestag ihrer Mutter hatte die Anna wie jedes Jahr eine Seelenmesse bestellt. Pfarrer Kleinschmidt erkannte sie durch das Gitter des Beichtstuhls und lächelte: Was war es wohl dieses Mal? Hatte sie wieder hinter dem Rücken ihres Gatten den Kindlers Brot zugesteckt? Sich Zweifeln über die Erbsünde hingegeben? Sie mochte absolut nichts Sündhaftes daran erkennen, wie sie ihre Kinder empfangen hatte. Wenn nur die Welt aus lauter solchen Frauen bestünde! Die Anna hielt sich nun aber mit den üblichen Lässlichkeiten nicht auf. Und Kleinschmidt war gezwungen, sie ernsthaft zu ermahnen: „Das muss sofort aufhören! Anna, wenn du nicht aufrichtig bereust, kann ich dich nicht lossprechen!“ Am Ende entließ er sie aber doch mit „Ego te absolvo a peccatis tuis“ und sieben Rosenkränzen.

Bereuen! Aufhören! Wie denn? Natürlich war ihr klar, dass sie so nicht weitermachen konnte. Anna, deren Arbeitstag vier Stunden nach dem ihres Mannes anfing, ging abends, wenn ihr Bäckergatte schon schlief, gern auf ihren Blumenacker im Sternfeld zwischen Bickelsberg und Brittheim. Wo sie an einem schönen Juniabend schier gestorben wäre, als der heranschlendernde Herr Loser sie ansprach, als zwanzig Jahre zu einem Tag verschmolzen und viele kleine Tode sie seither endlich leben ließen.

Leise spielte die Orgel. Die wenigen andächtigen Kommunikanten waren schon wieder auf dem Rückweg in die Frauenbänke unter der Empore. Kleinschmidt runzelte die Stirn. Anna Braner war nicht vorgetreten, um die Kommunion zu empfangen.

„Du, Braner“, sagte der Redakteur Bosch zu seinem Mädchen für alles, „ich muss heute Abend zur Bürgerpartei. Geh‘ du doch zu dem Sternguckerheini in den Ochsen. Kannst ihn auch gleich interviewen. Heut‘ war mal wieder gar nix los.“ Der Braner war unenthusiastisch, hatte er sich doch eigentlich den sozialdemokratischen Pfarrer anhören wollen. Aber damit konnte er dem Bosch nicht kommen, dem Sozenfresser. Wahlkampf! Rechtsaußen Bosch wollte weder von der SPD noch vom Zentrum berichten. Bauernbund, ja. Aber selbst die Volkspartei war ihm zuwider.

2. Zeit für Geständnisse​

Sonntag, 29. August 1886, Sulz

Der Ochsen war proppenvoll. Losers Vortrag „Unsere neue Sternwarte und der Himmel im September“ hatte eine Menge Neugierige angelockt. Ja klar, Astronomie und Astrologie liegen eng beieinander, dachte der Kasper grimmig, humpelnd und grüßend auf dem Weg zur Theke. Ich muss ihnen ja jeden Monat den Hundertjährigen Kalender ins Blatt setzen. Und konnte sich doch ein Grinsen nicht verkneifen. Liegen eng beieinander, da fiel ihm halt die Kathi ein. Was für ein Glück er doch hatte! „Ein Mineralwasser, wie immer, für die Chronik“, intonisierte der Wirt ironisch. Kunden wie Kasper brauchte er nicht.

Zum Interview setzten sich Loser und Braner, Kaspar und Kasper wie sie schnell herausfanden, an einen Tisch in der Ecke, von dem der Witwer Schäller sich gerade seufzend erheben wollte, auf Drängen des Braner, der den Alten irgendwie ins Herz geschlossen hatte, jedoch auf ein Achtele blieb.
Auf die entscheidende Frage: „Wie finanziert sich eigentlich eine Sternwarte?“, lehnte sich der Loser zurück. „Off the record?“ Was Kasper geschwind für den Konde mit „Muss ich alles schreiben? Noi“, übersetzte. „Gar nicht“, sagte der Loser. Die Eintrittsgelder und Führungen reichten kaum für die Grundsteuer. Man müsse halt bereit sein, viel Geld in so ein Hobby reinzustecken, und er könne das Gottseidank tun. Und erklärte, dass er in Burma und Südafrika… Das faszinierte nun beide Zuhörer so, dass Loser mehr ins Detail gehen musste.
Wie man in Oberburma Rohkautschuk gewann, indem man die Bäume zum Bluten brachte. Erst im Dschungel, dann auf großen Plantagen, wobei er schließlich eine wirklich rentable erst in Malaya betrieben habe, bis ein großes Feuer alles vernichtete. Aber da hatte er schon genug verdient, um nach Südafrika auszuwandern, wo er sich als Diamantenschürfer einen Namen gemacht, später auf Kap-Rubine spezialisiert hatte. Wo er auch, dank zahlreicher Werkzeugsendungen aus Württemberg, immer wieder zu deutschen Zeitungen gekommen sei, die als Verpackungsmaterial gedient hätten. In Südafrika habe er auch das Sterngucken angefangen. „So klaren Himmel gibt’s hier nirgends.“ Und überhaupt, die Briten, die seien schon auf Zack mit ihren Kolonien, da könne man sich in Deutschland eine Scheibe abschneiden. Was den Braner in einen Zwiespalt brachte: sein Chef hasste England aus ganzem Herzen und war Feuer und Flamme für die deutschen Kolonialismusbestrebungen, die er als Sozi ebenso heftig ablehnte.

Auf die Frage, wie er überhaupt in so weit entfernte Weltgegenden gekommen sei, blieb der Loser merkwürdig vage. Konnte ja, obwohl der Schäller inzwischen am Tisch eingenickt war, auch beim besten Willen nicht erzählen, dass er nach der Detonation bewusstlos auf einem Stück der Brückenverkleidung die Tauber hinabgetrieben war. Dass die Preußen ihn gerettet, im Lazarett gepflegt und schließlich seiner Flucht nicht allzu viel entgegengesetzt hatten. Dass er sich aber aus Furcht vor Strafverfolgung in der Ernhofer- Sache – so nannte er es bei sich – nicht nach Hause getraut hatte, zur Fremdenlegion gegangen und auf diese Weise nach Französisch- Indochina gekommen war. Wo er mithalf, einen Aufstand niederzuschlagen; was ihn aber so angeekelt hatte, dass er mit extrem viel Glück nach Britisch Burma desertieren konnte … der Rest war nun bekannt.

Die beiden konnten von Beginn an gut miteinander geschirren. Aber auch der Braner gab von seinen drei Geheimnissen an diesem Abend nur zwei preis: dass er ein sozialdemokratisches Parteibuch im Sack hatte und ein geheimes Tagebuch führte, in welchem er die Meldungen, die er in der Sulzer Chronik drucken musste, ironisch oder künstlerisch kommentierte. Künstlerisch, dies auf Nachfrage vom wiedererwachten Konde, in Form von Haikus, die er ihm ebenso ausreichend wie unzutreffend als streng reglementierte japanische Gedichte erklärte. Von der Kathi erzählte er nicht. Der Loser war beeindruckt. Konnte man mal ein Beispiel sehen? Na ja, sagte der Kasper, gerade heute habe er anlässlich des Streits um die Rechte der Hereros in Deutsch-Südwest eines geschrieben, und er kritzelte auf seinen Bierdeckel:

Vertrag ist Vertrag!
Nix versteh, schwarzer Kaffer?
Dann wirst du gehängt.

3. Über den Tellerrand

Dienstag, 12. Oktober 1886, Sulz.

Redakteur Bosch war irritiert. Halb neun am Morgen und die gesamte Auflage der „Sulzer Chronik“ schon vergriffen! Dabei waren die Dienstboten aus den besseren Häusern noch gar nicht erschienen und die Dörfer noch gar nicht bedient. Was, um alles in der Welt, hatte diese unerwartete Nachfrage ausgelöst? Sollte er nachdrucken? Oder ein „Zweites Blatt“ auflegen? Aber worüber genau? Am Ende müsste er wohl gar jemanden fragen; er, der doch als Spinne im Netz der Informationen saß. Ob der Braner …?
Nicht nur das, der Krüppel hatte sogar eine Meinung: Die Neger! Die „Kongo-Neger-Truppe aus dem Kamerun“, deren akrobatischer Auftritt für den Abend im Gasthaus zum Ochsen angekündigt wurde. Mit Artikel und Annonce. Das Publikum im Saal darf sich gerne von der Echtheit der Neger überzeugen. Und dann soll es noch einen Kampf geben zwischen einem Schwarzen und dem Preis-Ringer Eduard Vollmann. Erster Platz 50, zweiter Platz 30 Pfennige. Also „Zweites Blatt“, aber dalli! Warum hast du das nicht vorhergesehen, Braner?

Diesmal ging der Bosch selber. Handelte es sich doch um eine Chance, ethnologische Aufklärung zu betreiben. Was hatte er nicht alles schon geschrieben über den ewig unveränderlichen Charakter der schwarzen Rasse, zwischen handzahm und heimtückisch, halb Märtyrer, halb Massenmörder, zwischen Mensch und Maki, aber deutlich unter der weißen Frau. Unzivilisiert eben. Dennoch drängte sie sich immer weiter vor. In Deutschland arbeiteten Neger schon als Bahnwart, dienten auf Schiffen der Kriegsmarine, konnten Gedrucktes zusammenbuchstabieren. Das Interesse der Sulzer galt es, in die richtigen Bahnen zu lenken. Erst wenn sie’s in der Zeitung lasen, war ja etwas wirklich geschehen. Wichtiger noch: erst dann war es verstanden, eingeordnet, bewertet.

Im Ochsen war, wie es schien, ganz Sulz versammelt. Es fehlten nur Dekan Kern und Oberamtmann Kinzelbach, aber Pfarrer, Richter und Fabrikanten saßen, eingezwängt zwischen so viel ungewaschener Mehrheit, an einem runden Tisch und tranken Wein. Arbeiter, Bauern, Handwerker hatten ihre Frauen mitgebracht, die tranken Bier aus kleinen Gläsern. Die Luft war zum Schneiden, der Lärm ohrenbetäubend. Männer begutachteten fachmännisch die turnerische Qualität der in knappen Kostümen dargebotenen Übungen, Frauen waren anderweitig fasziniert. Der Bosch sah es und entwickelte einen Heidenzorn. Der Preis-Ringer Eduard Vollmann hatte in fairem Kampf nicht den Hauch einer Chance gegen seinen schwarzen Kontrahenten, der sich einen Spaß daraus machte, ihn wehrlos umherzutragen, bevor er sich, aber so, dass es jeder begriff, absprachegemäß auf den Rücken drehen ließ. Das Haus tobte. So einen Spaß hatten sie hier schon lange nicht mehr gehabt, nicht seit der Sache mit dem falschen Missionar. Bosch zerriss noch im Hinausgehen seine Notizen. Kein Wort würde er schreiben, kein Wort.

„Hätt’st du so einen Schwarzen nicht auch gerne angestaunt?“ Manchmal konnte der Kasper seiner Bitterkeit nicht Herr werden. Das verfluchte Bein! Kathi hob den Kopf aus dem Kissen. „Klar“, sagte sie, „und mit nach Haus genommen. Aber wie hätt‘ ich mit ihm geredet? Hinterher.“

4. Keine Schätze auf Erden

Mittwoch, 13. Oktober 1886, Sulz, Hamburg, Sulz.

Katharina Higi hatte keine Illusionen, was das Schicksal einer in Sulz geborenen jüngeren Handwerkertochter ohne nennenswerte Mitgift anging. Nach der Schule hatte ihr Vater ihr eine Lehrstelle als Putzmacherin ergattert, sie hatte aber nach einem Jahr entnervt aufgegeben. Statt seidener Röcke und turmhoher Hutkunstwerke grobe Stoffe und grober Geschmack! Seither hatte sie mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten zum elterlichen Haushalt beigetragen, in dem sie, mit fast 25 Jahren, immer noch lebte. Im Dekanat übernahm sie die Schreibarbeit für Kerns „Verein zur Unterstützung älterer Honoratiorentöchter“, die zahlreichen Missionssammlungen und die Flut von Spendenaufrufen, die Kriegsveteranen, Heidenkindern und Katastrophenopfern zugedacht waren. Eine Zeitlang hatte sie sich für den Hilfslehrer Fridolin Bernhard interessiert, aber der war, wie sein Vater Justus, nie in den Genuss einer festen Anstellung an der Lateinschule gekommen. Außerdem war er, ganz anders als der Kasper, überzeugter Katholik. So hatte sie sich bis vor kurzem damit begnügt, von ihrem Buch aufblickend halb ironisch, halb traurig die Pärchen zu beobachten, wie sie mit beginnender Dämmerung das Liebeswegle zum Gähnenden Stein einschlugen. Und war sich sicher, dass ihnen binnen Jahresfrist das ganze Elend der säuglingsinvasiven, armutinduzierten Entzauberung winkte. Was aber gegen die vom Kasper ausgehende Anziehung nicht gewirkt hatte. Sich des scheuen, verkrüppelten Autodidakten anzunehmen, verschaffte ihr schon gesellschaftliche Befriedigung. Aber das Beste waren ihre Gespräche, in denen sie die Welt neu erschufen. In jüngster Zeit hatte sich immer öfter auch der Fridolin zu ihnen gesetzt, wenn sie sich im „Wiesental“ beim Ludwig Hiller trafen. Da war ein allerdings stets gefährdeter Landfriede entstanden.

Im dritten Stock des Schulgebäudes in der Bergstraße schrieb Präzeptor-Stellvertreter Fridolin Bernhard schwungvoll an die Tafel: Deutsche Kolonien (Schutzgebiete). In Gedanken fügte er hinzu: Soweit ich das der Zeitung habe entnehmen können. Aber was weiß die schon! Seine zusammen 12 Schüler in zwei Klassen der schwindsüchtigen Lateinschule durfte er mit derart kritischen Überlegungen nicht beunruhigen. Nicht mehr lange, und die Realschule würde alle höheren Schüler aufsaugen. „Die Flagge folgt dem Handel. Das heißt, Kaufleute schließen Verträge mit eingeborenen Häuptlingen und wenn’s dann Streit gibt, rufen sie das deutsche Militär zu Hilfe.“ Es gelang ihm, Verträge ohne Anführungszeichen zu sprechen. „Dann nehmen wir das Land in Besitz. Und zivilisieren es.“ Er schrieb: Togo und Kamerun 1884, Karolinen und Deutsch-Ostafrika 1885. „Wer zeigt uns diese Kolonien auf der Weltkarte? Keck, du? Hier, mit dem Stock.“ Das war Präzeptor Schieles persönlicher Prügel- und Zeigestock. „Mein Vater sagt aber …“. „Lass gut sein“, unterbrach ihn der Bernhard, „wir wissen, was dein Vater sagt. Zeig‘ uns lieber die Schutzgebiete! Da, da, gut, … da und … da. Und, liebe Leute, das ist ja noch keineswegs das Ende. Wir wollen viel mehr. Samoa. Palau. Die Walfischbucht. Gut, Ernst, setzen.“ Der kleine Keck strahlte. Dem Vater und dem Lehrer recht gemacht, das kriegte er nicht alle Tage hin.

Im Privatkontor der Firma Adolph Woermann an der Großen Reichenstraße war man mit dem Reichskanzler unzufrieden. „Ich fürchte, Bismarck hat seine Meinung nie wirklich geändert. Das bisschen Schutzgebietserwerb ist doch bloß ein Experiment. Kann er jederzeit beenden. Frankreich ablenken, England reizen. Hat er nicht neulich Eyck gegenüber vom „deutschen Kolonialschwindel“ getobt?“ Woermanns Gäste nickten. Das hatte sich herumgesprochen bei den Großkaufleuten. „Von unserer Kriegsflotte hält er ja auch nix“, nuschelte Heinrich Helbing. “ Was hat er gesagt? ‚Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann, und wenn’s los geht, sind wir in zwei Weltteilen verwundbar.‘ Oder so.“ „Ich hab‘ gehört, er will den Engländern Sansibar anbieten – gegen Helgoland! Was sollen wir mit dem Felsen?“ Herr de Voss war besorgt. Auf Helgoland würden er und seine Kollegen ihren staatlich subventionierten Billigschnaps, Negertod, wie sie ihn spottend nannten, nicht absetzen können. „Bismarck besitzt doch selbst vier Schnapsbrennereien“, warf Jakob Ferdinand Nagel ein. „Aber lebt nicht davon.“ Das war Walter Brohm, der sich nicht einmal scheute, mit Sklaven zu handeln. „Selbst Reichskommissar Gustav Nachtigall will ‚die Hamburger Schnapsinteressen nicht stärken‘. Und der unsägliche Herr Bebel kritisiert uns jetzt schon im Reichstag. Dabei hätten wir ohne Schnaps an der Küste gar nicht Fuß fassen können. Und jetzt ist der Schnaps Zahlungsmittel, und wir sind im Geschäft. Aber da kommen die Missionare und stimmen ein Geheule an.“ „Lasst mal“, warf der Helbing ein, „die Missionare helfen uns doch. Je mehr von ihnen umgebracht werden, umso lauter der Ruf nach Bestrafung. Und dann nach der Kolonie.“ „Das heißt ja“, überlegte Woermann laut, „wir brauchen mehr Krisen. Das sollte doch für uns kein Problem sein! Stimmt es übrigens, Brohm, dass ihr eine Privatarmee unterhaltet? Und ich kenne den Chefredakteur der Kreuzzeitung.“ Und, dachte er weiter, jeder Soldat, der nach den Kolonien abgeht, fährt auf meinen Schiffen. Und meine Matrosen entlohn‘ ich eh mit Schnaps. Und die Beamten. Und die Plantagenarbeiter. Und die Gerichtskosten, wenn’s Ärger gibt. Den gab’s ja immer wieder. Meistens ging es um Frauen. Ausgepeitschte, verkaufte, vergewaltigte, gehängte Frauen. „Meine Herren, ich denke, wir können uns jetzt dem Büfett zuwenden.“

Der Sulzer Untersuchungsrichter war neu und wollte schon wieder weg. Wozu hatte er eigentlich studiert? Die Akten, in denen er las, beschrieben den „Diebstahl eines größeren schwarzen Hemdknopfes aus Horn“. Ihr Hornochsen, dachte Richter Dulk, das ist doch nicht euer Ernst! Und dem Jakob Sturm aus Weiden wurde zur Last gelegt, eine dürre Weißtannenstange abgesägt und entwendet zu haben. Wenigstens war er geständig. Wenigstens hatte man ihn nicht in Untersuchungshaft genommen. „Vier Mark und die Gerichtskosten. Äh, auch vier Mark!“ diktierte Dulk. Öha! Was haben wir hier? Strafanzeige des Herrn von Biberstein für den Bezirkskriegerverein: … hat der Agitator der Volkspartei, MdR Oskar Galler, bei einer Versammlung im „Hecht“ am 19. September des Jahres unsere schimmernde Wehr und damit unseren Heldenkaiser in unerträglichster Weise beleidigt. Was hat er denn verbrochen, der Galler? Ah, hier, öha: Zu viele entziehen sich durch Flucht dem Militär, und dadurch müssen wir zu minderwertigem Menschenmaterial greifen, welches dann nur die Lazarette füllt. Das gilt insbesondere für unsere Kolonialstreitmacht und macht die Schutzgebiete noch unrentabler, als sie eh schon sind. Starker Tobak! Hatte er nicht erst vor kurzem … Dulk griff zum Ordner „Desertionen“‚. Am 23. September hatte die „Chronik“ gemeldet, dass im Oberamt die Vermögen von 19 Beschuldigten eingezogen worden seien, weil sie ihrer Wehrpflicht nicht nachgekommen waren. Sie seien wohl ausgewandert. Im laufenden Jahr seien es auch schon wieder 14 Deserteure. Jetzt, Dulk, bist du endlich mal gefordert! Wenn du es schaffst, den Galler zu verknacken, kommt Tübingen näher!

Fortsetzung folgt...

Autor:

Klaus Schätzle, geb. 1948
Lokalhistoriker mit ausgeprägter Schwäche für „Geschichte von unten“.

Kapitel 3: Vom deutschen Wesen
Autor:

Klaus Schätzle, geb. 1948
Lokalhistoriker mit ausgeprägter Schwäche für „Geschichte von unten“.