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11. September 2021

1. Sulzer Kulturtag

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Unter dem Gähnenden Stein

(Sulz 1848–1948)

Kapitel 4: Demokratie

1. Mai 1919 – Archiv Klaus Schätzle

Foto: Unbekannt

1. Im Auge des Sturms

Montag, 11. November 1918, Sulz.

Im großen Schankraum der Gaststätte „Zum Adler“, seit einigen Tagen Hauptquartier der Sulzer Sozialdemokraten, hingen noch die Vorkriegsplakate an der Wand: Dr. Elswirths Asthma-Zigarette, nur in Apotheken erhältlich und Fischer’s Deutsch-Südwest-Wolle, mit dem Schutztruppler, der dem Löwen das Garn entreißt. Der Wirt, Philipp Tag, hatte bei der Schutztruppe gedient, damals, als er noch kein Sozi gewesen war, und er hatte Probleme damit, seine Vergangenheit zu verleugnen, die ihm hier und heute kein Ansehen verschaffte. Dabei hatten sie doch nur… Tag rief sich zur Ordnung. Ein toller Haufen, dachte er. Solange der Ernst weg ist. Vier Wirte, ein Handwerker und eine Rentnerin. Immerhin die „Sulzer Chronik“ oder wenigstens deren Nummer zwei. Was gibt das für einen Arbeiterrat? „Einziger Tagesordnungspunkt“, sagte der Vorsitzende, Flaschner Simen, „was tun wir in Sulz?“ „Bevor wir hier weitermachen“, sagte der Burgwirt Buzzi, „stelle ich den Antrag, dass wir abwechselnd tagen, nicht immer hier. So gut dein Bier ist, Tag.“ Hiller vom „Wiesental“ und Gustav Keck, derHirschwirt, nickten. Die Tür flog auf, herein stürzte der Jakob Oesterle. „Genossen, die Österreicher wollen uns helfen. Ich hab‘ mit dem Soldatenrat geredet, die schicken eine Kompanie zur Einquartierung.“ Die Österreicher, das war ein Pionierbataillon, für zwei Tage in Oberndorf aufgehalten, alle Offiziere davongejagt, vollständig in Rätehand. „USPD und SPD mal wieder zusammen“, strahlte die Anna Braner, „dass ich das noch erleben darf.“ Der Kasper war schon aufgesprungen und auf dem Weg in die Redaktion.

„Ich rufe auf“, sagte Stadtschultheiß Wilhelm Malmsheimer, „Tagesordnungspunkt drei, Erhöhung der Stromgebühren, und gebe das Wort gleich an…“. Dem Gemeinderat Kienzle zum Hecht platzte der Kragen. „Hier sitzen wir und quatschen und draußen ist Revolution! Ziegler, Frey, sagt doch auch mal was. Wir müssen uns doch was überlegen!“ Malmsheimer stand auf, ging zum Fenster, schaute demonstrativ hinaus. „Ich kann da draußen keine Revolution entdecken“, sagte er trocken. Der Reihe nach sah er seinen Gemeinderäten herausfordernd ins Gesicht. Bankdirektor Vayhinger tuschelte mit dem Färber Krämer, der Bierbrauer Tag jun. streifte die Asche seiner Zigarre ab, der Maurermeister Bertrand guckte in die Luft, Plocher zum Waldhorn und die übrigen Mitglieder der Wirtefraktion schauten teils angestrengt, teils nachdenklich in ihr Bier. „Ich gehe davon aus, dass Sie die Vorlage gelesen haben“, fuhr der Schultes fort. „Wer wünscht das Wort?“ Keiner wünschte das Wort, nein, doch, der unvermeidliche Verwaltungsaktuar Böhm, der die Preiserhöhung voll mittragen wollte, sich aber doch der Befürchtung nicht enthalten konnte, dass in zwei Monaten schon wieder… Rüde unterbrach ihn Malmsheimer. „Spekulationen sind nicht Gegenstand der Abstimmung. Wer ist dafür? Bei fünf Enthaltungen angenommen. Punkt vier, Ausbesserung des Wegs zum Lenglisöschle.“

Soweit man das jetzt übersehen kann, hat sich der Umsturz im Lande in aller Ruhe und Ordnung vollzogen. Es kam nirgends zu Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten, schrieb der Redakteur Bosch ans Ende seines Artikels über die Revolution in Berlin und Stuttgart, den Thron-„Verzicht“ des Kaisers und seine Flucht ins holländische Exil. Wie er sie hasste, diese Demokraten, diese Vaterlandsverräter! Aber im Moment durfte man nicht deutlicher werden, niemand wusste, wie die Sache ausgehen würde. Im Stillen gratulierte er sich dazu, all die Jahre den Kasper Braner nicht rausgeschmissen zu haben, obwohl er ein Roter war. Eine Laus in seinem Pelz, aber jetzt nützlich! Niemand konnte ihm vorwerfen, nicht objektiv über die Zeitläufte zu berichten. In Sulz war ja noch gar nix passiert. Alles ruhig. Der Bosch schaute zu den hell erleuchteten Fenstern des Ratssaals hinauf. Der Malmsheimer leitete seine Gemeinderatssitzung, als wäre nichts geschehen. Der Mann hatte Eier aus Stahl. „Na, du Revoluzzer“, sagte er wenigstens für den Augenblick gutgelaunt zum Braner, der gerade zur Tür reinkam, „wann stürmt ihr das Rathaus?“

2. Das richtige Leben im falschen

Dienstag, 12. November 1918, Sulz

Der Stadtschultheiß Malmsheimer bereute nicht viel in seinem Leben, aber das ganze Obergeschoss seines Hauses an die Anna Braner vermietet zu haben, war vielleicht doch ein Fehler gewesen. Dort oben war jetzt ein Seminarraum eingerichtet worden, in dem der ehemalige Gefreite und selbsternannte Studienleiter Josef Bronner als Untermieter eine Zweigstelle der Mannheimer Abendakademie betrieb. Der Raum war über eine Außentreppe zu erreichen, deswegen hatte der Schultes damals auch der Untervermietung zugestimmt. An drei Abenden die Woche unterrichtete jetzt der Bronner Stenographie und Englisch; seine chinesische Landeskunde hatte er bald streichen müssen. Dennoch, Malmsheimer war misstrauisch. Hatte er sich da die Emanzipation ins Haus geholt? Selbst seine Frau und seine Töchter hatten sich die Erlaubnis zur Teilnahme an Kursen ertrotzt. Dass der Bronner sich über Wasser hielt, gar heiraten und Kinder haben konnte, war allerdings nicht den lächerlich niedrigen Kursgebühren zu verdanken, seit dem Hungerwinter 1917 waren auch Kartoffeln akzeptabel. Überleben konnte die „Volkshochschule“, wie sie hochtrabend firmierte, nur durch die Großzügigkeit der Frau Braner.

1914 hatte der Bronner der mit dem allerorten als erlösend empfundenen Kriegsausbruch einsetzenden Dichtungsdiarrhöe in den deutschen Zeitungen etwas entgegensetzen wollen. Damals, erinnerte er sich, brachte jeder Tag, wie er mal in einem Schweizer Blatt gelesen hatte, 50.000 neue „patriotisch-poetische“ Machwerke hervor. Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal schmierten volle Kanne mit. Bronner suchte und fand englischsprachige Dichter, die dem modernen Krieg ablehnend gegenüberstanden. Manche wurden nur allzu gerne von der Militärzensur zugelassen. Es dauerte allerdings nicht lange, und die deutsche Euphorie schlug in Entsetzen um. „Kreisch / Peitscht / Das Leben / Vor / Sich / Her / Den keuchen Tod / Die Himmel fetzen. / Blinde schlächtert wildum das Entsetzen“, reimte der Postbeamte August Stramm, kurz bevor er an der Ostfront fiel. Jetzt konnte Bronner den zwiespältigen Sigfried Sassoon „I would gladly stick a bayonet into a German by daylight“ mit Wilfred Owen „Die alte Lüge, dulce et decorum est pro patria mori“ vergleichen oder gar mit dem zutiefst humanistischen Herbert Read „Liedholz shot at me / and I at him.“ Der Deutsche gibt sich gefangen, sie reden: „In broken French we discussed / Beethoven, Nietzsche and the International / He was a professor / living at Spandau / and not too intelligible.“ Read hatte er in Basel getroffen. Eigentlich hätte er ja wieder einrücken müssen. Als nach dem 2.8.1869 und vor dem 2.8.1897 Geborener war er gestellungspflichtig. Aber die Kreiswehrverwaltung hatte ihn nicht einmal für den mobilen württembergischen Landsturm haben wollen.

Die Kreide zerbröselte in der Hand. Schlechte Qualität, wie fast alles am Ende des fünften Kriegsjahres. Kein Schwamm, ein Lappen aus Holzwolle. Schmierte, wischte die Tafel nicht sauber. Weiß Gott, was in der „Kreide“ alles drin ist, dachte der Bronner. Es war schon wieder kalt im Raum. Die Kursteilnehmer hatten nicht genug Holzscheite mitgebracht. Die Stimmung war gedrückt. Sassoon hatte sich erneut jeglicher Deutung entzogen. War er nicht doch zwischen den Zeilen stolz, sich in all dem Elend, das er anprangerte, stoisch zu bewähren? Der Mann, der einen deutschen Graben stürmte, sich dann zwischen die Leichen setzte und in einem Gedichtband las? Sagten mehrheitlich Männer. Die meisten Frauen meinten, das sei Quatsch. Bronner hielt sich heraus, so blieb er die Autorität. Larissa zog im Hinausgehen ihren Mantel über. Heute trug sie den dunkelblauen, sie würde ihn an ihrem Platz hinter dem katholischen Kirchlein erwarten.

3. Eine Kleinstadt hält den Atem an

Mittwoch, 13. November 1918, Sulz

„Das kommt nicht ins Blatt!“, schrie der Redakteur Bosch. Ihm war mulmig zumute. Seit letztem Samstag gab es in Stuttgart eine Provisorische Landesregierung, am Sonntag hatte sich der Oberndorfer, am Montag der Rottweiler Soldatenrat gebildet. Im Oberamt Sulz war noch alles ruhig, sollte man dem Gesindel Flausen in den Kopf setzen? „Das sind doch alles Juden und Bolschewisten!“ Der Braner schwieg. Dann eben morgen, dachte er. Du wirst es schon noch lernen.

In allen Orten des Oberamts blieben die Öfen in den Schankstuben über Mittag an, aber viel Umsatz machten die Wirte nicht. Kein Vergleich zu den Siegesfeiern des ersten Jahres, kein Vergleich auch noch zu den frühen Trauerfeiern. „So eine schöne Leich‘!“ hatten sie im Waldhorn gehabt beim Julius Franz, dem ersten in der langen Reihe, traurig, und doch erbaulich, aber da war der Krieg erst sechs Wochen alt gewesen. Als immer mehr Krüppel zurückkamen, als die Heldennamen nur so prasselten: erschossen, verblutet, vergast, ertrunken oder vermisst, im Lazarett gestorben oder in kleinste Teilchen unauffindbar zerrissen, wurden die Reden kürzer, die Zeremonien hastiger, die Kränze mickriger. Und jetzt dieses Bier: teuer und dünn. Aber vielleicht war das gut, dass man keinen anständigen Rausch davon kriegen konnte. Es gab ja so viel zu besprechen, zu planen, besonders bei denen, die sich ein besseres Leben versprachen. Die Kostgänger des alten Reichs blieben hinter den Gardinen, geschockt, verängstigt. Wie würden die neuen Herren mit ihnen umgehen?

Einer hatte nicht vor, sich dem Geist der neuen Zeit zu beugen. Im Schutze der Dunkelheit machte sich der Herausgeber und Redakteur Johann Bosch auf den Weg ins Malmsheimersche Wohnhaus. Auf der Treppe kam ihm Anna Braner entgegen, sie grüßten einander so kurz es eben anging. Der Schultes führte Bosch in die Küche, wo es warm war, schickte seine Frau fort, kredenzte ein Kirschwasser. Bosch kam gleich zur Sache. Man könne den Umsturz sicher nicht mehr aufhalten, aber abfedern, das ginge doch. Noch seien nicht alle über Nacht zu Demokraten geworden. Jetzt komme es darauf an, ein Netzwerk zu bilden, sich gegenseitig unauffällig zu unterstützen und den Bolschewiki Fallen zu stellen, sie lächerlich zu machen, ihre Herrschaft in Zweifel zu ziehen, sie letztlich zu untergraben. „An wen haben Sie dabei gedacht?“, fragte der Hausherr. Bosch konsultierte sein Notizbuch. „Dr. Hermann und Studienrat Köpf vom Alldeutschen Verband, Wilhelm Böhm…“. Da stöhnte Malmsheimer, sagte aber nichts. „Böhm, jawoll“, sagte der Bosch, „ist der Vorsitzende des Bezirkskriegerverbands, war bei der Vaterlandspartei.“ „Und hat die Kriegsbetstunde geleitet, ich weiß. Aber er ist halt so ein…“. „Wichtig ist“, sagte der Bosch, „dass wir Lehrer und Pfarrer im Auge behalten. Bei unseren Katholiken…“, er nickte vielsagend. „Auf das Oberamt und die Polizei ist Verlass. Dann haben wir Krankenhaus, Verwaltung, Polizei, Schule und Kirche unter Kontrolle. Den Rest erledigt die Zeitung. Meine Kommentare, und ich habe ein paar Leserbriefschreiber zur Hand. Oder welche, die einen ‚Leserbrief‘ unterschreiben.“ „Na dann“, sagte sein Gastgeber, „Prost.“

Der hat gut schwätzen, dachte der Malmsheimer, immer noch unterwältigt, als er die Tür hinter seinem Besucher schloss. Ich bin Beamter, habe meine Anweisungen. Das Oberamt kann ich nicht einschätzen. Der Gunzenhäuser lässt sich nicht in die Karten gucken. Schule und Kirche, so ein Schmarrn! Die Kontrolle will er wohl selbst übernehmen. Mich steuern! Dem Bosch traue ich alles zu. „Elsi, kannst wieder reinkommen. Mach mir’n Tee.“

Der Malmsheimer ist auch angezählt, dachte der Bosch auf der Treppe. Oder hat er seine eigenen Pläne? Ich traue ihm nicht, dem alten Fuchs. Aber das größere Publikum hab‘ ich.

Ihren Tribelhorn Nautilus hatte die Anna heute stehen lassen, der hing noch an der Steckdose. Der Bosch beim Schultes, das hatte etwas zu bedeuten! Die alten Kampfhähne verbünden sich jetzt wohl, dachte sie. Ein Lied fiel ihr ein, das der Jogi ihr… ach, Jogi! Das ist der Wind der Reaktion, summte sie, der dennoch weht, trotz alledem. Und grinste, das ist die Bourgeoisie am Thron, der dennoch steht, trotz alledem. Na wartet! Das hier dreht ihr nicht mehr zurück. Die Genossen in der „Burg“ waren auch nicht sehr beeindruckt. Was können zwei alte Männer schon ausrichten gegen uns? Ab Freitag haben wir Waffen.

4. Biedermänner an die Macht!

Montag, 18. November 1918, Sulz.

Es dauerte dann doch noch fünf Tage, bis die Revolution nach Sulz kam. Am Freitag waren die Österreicher eingerückt, am Samstag und Sonntag waren im ganzen Oberamt die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte wie Pilze aus dem Boden geschossen: Wittershausen, Dornhan, Mühlheim machten den Anfang; der Sulzer Arbeiterrat gründete sich am Sonntag im „Adler“. Das Rathaus war nicht besetzt. Die Revolution musste warten. Man hatte keinen Schlüssel.

Endlich hörte die dumme Pute auf mit Jammern. Als ob die Idee seiner Frau, nicht ins Amt zu gehen, je eine Option gewesen wäre! Malmsheimer war aber doch etwas nervös an diesem Montagmorgen. Erschießen werden sie mich nicht, dachte er auf dem Weg ins Rathaus, aber vielleicht gefangen setzen? Das Gesicht vom Schließer Haberstroh, wenn sie mich einliefern! Das wär’s ja alleine wert. Kommt darauf an, wie viele Sulzer dabei sind. Aber ich werd‘ bluffen, meine Herren! Glauben Sie bloß nicht, dass ich mich kampflos ergebe.

Die Tür zum Dienstzimmer stand offen, der Genosse Kuhn, Vorsitzender des Arbeiterrats, im schwarzen Sonntagsanzug, klopfte an den Türrahmen. Braner, Mutschler, Haag und Simen drängten nach. In der Tür blieben die zwei Pioniere stehen, Gewehre lässig abgestellt. Malmsheimer schrieb im Gemeinderatsprotokollbuch, blickte nicht einmal auf. Kasper räusperte sich, der Schultes tat überrascht: „Herr Braner, Sie hier? In welcher Eigenschaft, wenn ich fragen darf? Womit kann ich Ihnen dienen?“ Kuhn brachte etwas unbeholfen vor, der Arbeiterrat habe jetzt die Macht in der Stadt übernommen, er, Malmsheimer, sei abgesetzt. „Und wie haben Sie sich das praktisch vorgestellt? Wollen Sie jetzt alle an meinem Schreibtisch Platz nehmen?“ „Nein, das natürlich nicht, aber…“. „Darf ich Sie als ‚Demokraten‘ (unüberhörbar vergiftet) daran erinnern, dass ich von der Bevölkerung gewählt worden bin“, unterbrach ihn der Malmsheimer, „während Sie sich selbst ernannt haben?“ Die beiden Pioniere blickten fragend zum Anführer, sollte man den Kerl verhaften? „Nein, nein“, sagte der Kuhn, „Sie können meinetwegen bleiben, Sie kennen sich aus, aber alles, was Sie anordnen wollen, legen Sie mir zur Genehmigung vor. Als erstes müssen wir die Lebensmittelverteilung…“. „Wenn Sie glauben, das besser hinzukriegen, gerne. Meinen Sie, die Bauern liefern Ihnen mehr Milch als bisher?“ „Und ich möchte einen Schreibtisch mit Telefon.“ „Gerne, aber Sie sehen ja, nicht hier drinnen, viel zu eng hier. Ich schlage vor, auf dem Gang.“ Mutschler ballte die Fäuste, Siemen und Haag traten unwillkürlich einen Schritt vor. Dem feinen Herrn Malmsheimer musste man mal in die Fresse hauen, damit er kapierte. „Das mit dem Telefon“, sagte der, „ist nicht so einfach, wie Sie denken.“ „Morgen Abend“, sagte der Kuhn fest, „nach der Arbeit komme ich her, dann ist das geregelt. Und den Schreibtisch stellen wir ins Ratszimmer. Mit Telefon. Wir gehen dann mal. Ach, ja, und die Schlüssel, bitte.“

Der Landjäger Weiß war kein Feigling, aber jetzt war ihm doch etwas mulmig zumute. Schwitzen im November! Gern hätte er sich am Kopf gekratzt, aber das ging ja nicht, wegen der verfluchten Pickelhaube, die überall sonst schon abgeschafft war. Er stand im Hof des Bauern Mößner in Sigmarswangen, in welchem gerade ein frisch geschlachtetes Schwein vom Haken baumelte. Ein illegal geschlachtetes Schwein, leider. Der Metzger Müller hatte „vergessen“ es anzumelden, hatte sich vermutlich mit dem Mößner über die private Verwertung des Fleischs verständigt, an der Zentralen Versorgungsstelle vorbei. Für diese aber musste der Weiß das Schwein beschlagnahmen. Was wiederum die Frau des Mößner zu einem solchen Geschrei veranlasste, als ob sie selbst geschlachtet werden sollte. Was nun schon eine erkleckliche Zahl von Dorfbewohnern angelockt hatte, die immer deutlicher eine drohende Haltung einnahmen. „Zentrale Versorgung, was die zahlt, kannst du dir in die Haare schmieren“, hatte der Bauer dem Gendarmen gegenüber zu Protokoll gegeben, „sag das dem Malmsheimer!“ Der Metzger Müller hielt sich zurück. Er wusste, nur mit viel Glück würde er mit einem saftigen Strafbefehl vom Amtsgericht Sulz davonkommen. Geld spielt keine Rolle, davon gab es ja viel zu viel. Aber er kannte den Staatsanwalt, und der kannte ihn und würde wohl eher ein Berufsverbot beantragen. Den Weiß überkam es rettend in letzter Minute. „Wer redet hier von der Zentralen Versorgung? Ihr habt doch seit gestern einen Arbeiter- und Bauernrat hier. An den müsst ihr abliefern.“ Das besänftigte zwar den Mößner nicht, machte einen allgemeinen Aufruhr aber gegenstandslos. Das Schwein blieb im Dorf. Als Mühlstein am Hals der neugewählten Räte, die es zur allgemeinen Zufriedenheit verteilen mussten.

Der Branerbäck trotzte in der Spittelmühle noch ein paar Jahre vor sich hin. Die Anna war zu vielem bereit und versuchte es auch immer wieder. Der Kasper hatte sich vom Hass seines Vaters eher abgestoßen gefühlt. Erst im Sarg hatte der alte Braner wieder freundlich geguckt. Ob er die allseitige Erleichterung noch selbst gespürt hatte?
Aussprache und Aussöhnung mit dem Kasper waren überraschend leichtgefallen, und die Kathi hatte ihre Schwiegermutter gleich so richtig ins Herz geschlossen. Montags morgens trafen sich die beiden Braner-Frauen, wann immer es ging, im „Café Krämer“. Als dann noch die Edeltraud Bronner dazustieß, entstand so ein Triumfeminat von beträchtlichem intellektuellem und rhetorischem Ausmaß, wobei für Letzteres eher die beiden jungen Frauen zuständig waren.

Fortsetzung folgt...

Autor:

Klaus Schätzle, geb. 1948
Lokalhistoriker mit ausgeprägter Schwäche für „Geschichte von unten“.

Kapitel 4: Demokratie
Autor:

Klaus Schätzle, geb. 1948
Lokalhistoriker mit ausgeprägter Schwäche für „Geschichte von unten“.

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