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11. September 2021

1. Sulzer Kulturtag

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Unter dem Gähnenden Stein

(Sulz 1848–1948)

Kapitel 1: Revolution

Fahne der Sulzer Bürgerwehr, Bauernfeind Museum Sulz

Foto: Ulrike Steinbrenner

1. Zehn Uhr: Revolution!

Sulz, Dienstag, 26. September 1848, 22:00 Uhr.

Genau über dem Treppenaufgang zum „Schwanen“ war schon seit Monaten ein großes Loch in der Traufe und konzentriertes Regenwasser hatte einen beachtlichen Graben vor der ersten Stufe ausgeschwemmt. Der Oberförster Kuno von Uexküll-Gyllenband, nach drei Maß Bier, stieg also vorsichtig, vorsichtig (!) auf den an dieser Stelle stockdunklen Marktplatz hinunter. Die Zeiten waren schlecht, also würden Traufe, Loch und Dunkelheit noch eine ganze Weile so bleiben. Aber es gibt welche, die sind wirklich schlimm dran, dachte Kuno. Schließlich hatte er vor einem Jahr die Bürgerwehr gegründet, weil all die Vaganten, Diebe und Arbeitslosen den Sulzern Angst machten. Und jetzt hatte er selbst Angst, der Herr Kommandant!

Er ging hinüber zur Viehtränke. Typisch, ich genau dazwischen, schoss es ihm durch den Kopf. Rechterhand im Rathaus brannte Licht, im Oberamt links war alles dunkel. Der Oberamtmann Herbort schlief sicher den Schlaf des Gerechten. Aber nein, er musste es doch auch schon gehört haben. Vielleicht stand er sogar hinterm Fenster, wie vor ein paar Monaten, am 22. März, als der Pöbel ihm die Scheiben einwarf und er sich nicht nach draußen traute, um die Ordnung wiederherzustellen. Ja, nicht einmal den Landjäger oder den Ausscheller hatte er benachrichtigt, als Uexküll-Gyllenband ihn in seiner Wohnung aufsuchte. Kuno musste die Krakeeler allein besänftigen.

Und wer war noch im Rathaus? Vermutlich der Skribent Mühlhäuser, der arbeitete an einer neuen Proklamation! Oder doch sein Chef, Stadtschultheiß Pfäfflin? Seit dem Frühjahr war das Rathaus das Hauptquartier der Demokraten, außerhalb der Stammtischzeiten wenigstens. Und die Sulzer Bürger hatten sich mit ganzer Kraft, wie es schien, der Revolution hingegeben. Hatten Petitionen verfasst und unterschrieben, was sehr mutig war; hatten sich an den Wahlen beteiligt, sich heiser diskutiert, Volksversammlungen und Märsche absolviert, Freiheit, Arbeit und eine neue Verfassung verlangt, sowie die Abschaffung geistlicher, adliger und militärischer Privilegien.
Der Oberamtmann, überwältigt vom Elan der Revolution, wusste nicht, wo ihm der Kopf stand: mal lief er mit Heckerhut den Radikalen hinterher, mal zeigte er sie bei der Kreisregierung an.

Und heute hängt schon wieder alles an mir, dachte Kuno. Seit einer halben Stunde wusste er, dass sich etwa 300 bewaffnete Revolutionäre, in der Mehrzahl aus Schramberg und Oberndorf, auf dem Weg nach Sulz befanden. Nach dem Vorbild der zweiten badischen Revolution wollten sie in Stuttgart endlich Nägel mit Köpfen machen.

Sie seien unter allen Umständen aufzuhalten, sagte die Regierung.

Sollte der Oberförster Uexküll-Gyllenband seine Bürgerwehr gegen die Revolutionäre stellen? Dumm nur, dass viele von ihnen auch bei der Bürgerwehr waren und sie 150 Gewehre führten, dazu Sensen, umgedengelt zu Lanzen, und Mistgabeln! Die Sulzer waren eine eher behäbige Truppe, alles andere als furchteinflößend. Aufhalten könnten sie keinen Vereinsausflug, geschweige denn die Herren Held, Moser, Jegglin. Was für eine Blamage! Noch hatte die Revolution in Sulz niemandem das Leben gekostet. Aber Befehlsverweigerung war ein Kapitalvergehen. Bis heute hat Herbort meine Wahl zum Bürgerwehrkommandanten nicht gegengezeichnet, dachte Kuno grimmig, und jetzt soll ich für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen?

Was würde der Oberförster tun?

2. Vor Gericht​

Ein Jahr später, Ludwigsburg, Donnerstag, 27. September 1849.

„Diese verflixte Sulzer Bagage!“, schimpfte der Gerichtsgehilfe Schlothbeck. „Jetzt zeigen die sich gegenseitig an, damit alles noch verworrener wird!“ „Zeig‘ mal her“, sagte der Oberskribent Tannbaur. Er las die Anzeige des Oberamtmanns Herbort gegen den Oberförster Uexküll-Gyllenband mit einem gewissen professionellen Wohlgefallen. „Kompliment, die Herren Streithähne! Die wissen genau, je mehr Steine sie ins Wasser schmeißen, desto trüber wird es.“ „Und die Schöffen werden wieder sagen, da war doch nix, die haben doch nur versucht, die Leute zu bändigen“, piepste der Schlothbeck, der immer ganz rasch erfasste, aus welcher Richtung der Wind wehte. „Ja, die Schöffen! Die Revolution ist vorbei, aber die Schöffen, die gibt’s immer noch, und es hagelt Freisprüche. Aber Befehlsverweigerung! Bin gespannt, wie er das morgen wegerklärt, der Uexküll mit drei Ü.“

„Unter uns, ich hab‘ mir den Uexküll heute mal vorgeknöpft“, sagte der Richter Armbruster und drehte sein Viertele Schlachthäuser Trollinger kennerhaft zur Kerze, welche das Blutrot so recht zur Geltung brachte. „Werd‘ aber nicht schlau aus ihm. Ab in die Schellen.“
„Was ist denn da so schwer zu verstehen? Der Herbort hat ihn angezeigt wegen Feigheit, und das triffts! Durch!“ Der Pastor Schubbig ließ sich auch am Honoratiorenstammtisch von keinem an Königstreue übertreffen. Auch nicht beim Binokel. „Aber Sie wissen ja nur die Hälfte“, begann der Armbruster, wurde aber von Apotheker Bäuerkes „Her mit der Sau!“ jäh unterbrochen. „Spielen wir oder politisieren wir?“ Sie spielten.

Zwölf Stunden später war Richter Armbruster leicht verkatert und immer noch nicht schlauer. Der Oberförster Uexküll-Gyllenband stand kerzengerade in seiner Uniform, die Bandschnalle des „Ordens der Württembergischen Krone“ dezent, aber unübersehbar, über der rechten Brusttasche. Den als Staatsanwalt agierenden Justizadjunkt beachtete er gar nicht, sprach nur zu den Schöffen. „Ich musste ja auf alle Fälle ein Blutbad vermeiden. Die Sulzer Bürgerwehr durfte erst gar nicht ausrücken. Wäre sie ausgerückt, hätte sie sich 300 Gewehren gegenübergesehen. Und hätte sie sich ergeben, was hätten die Leute gelacht! Also: auf keinen Fall ausrücken.“

„Ach, deshalb sind Sie…“, Armbruster ging ein Licht auf. Uexküll-Gyllenband nickte. „Der Zufall hat mir geholfen. Als ich so an der Viehtränke stand und grübelte, kam die Nachtpost angerasselt. Natürlich, der Nachtpostwagen nach Stuttgart! Wenn der Kommandant nicht da ist … also stieg ich ein. Nicht mal meiner Schwiegermutter konnte ich Bescheid sagen. Kein Kommandant, kein Zusammenrufen der Bürgerwehr, keine Befehlsverweigerung, kein Ausmarsch, keine Blamage, kein Blutvergießen“. „Aber ihr, euer eigenes Ansehen“, warf der Richter ein. „Hat gelitten,“ sagte der Oberförster trocken und schaute zur Schöffenbank.

3. Cäsars Köche

Sulz, Dienstag, 26. September 1848, 22:30 Uhr.

Schon von weitem hatte er sie singen hören: „Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker.“ „Ihr könnt’s wohl nicht erwarten“, knurrte der Oberamtmann Herbort hinter seinem Schlafzimmervorhang. Da kamen sie in Reih und Glied, die Herren Revolutionäre aus Schramberg, Dunningen, Winzeln und Oberndorf. Nachts um halb elf, das ist Ruhestörung, dachte Herbort automatisch, wo bleibt der Uexküll? Wo steckt überhaupt die Bürgerwehr? „Ich denk‘, was ich will“, dröhnte es trotzig herauf, „und was mich beglücket; doch alles in der Still“, da kam das „Kompanie: Halt!“, des Anführers. Sapperment, der Jegglin! Natürlich! Der Jegglin war alles, was der Oberamtmann nicht war: ein Mordstrumm Mann, geborener Anführer, demokratisch gewählt, trinkfest, beliebt bei den Leuten und eine Schwertgosch; Wirt des „Schützen“ dazu. Herbort wusste nicht, ob er sie bewundern sollte oder hassen: den Jegglin und den Förstergrafen.

Offensichtlich war alles gut organisiert. Auf dem Brunnentrog stand der Apotheker Johann Baptist Bauernfeind und dirigierte. So wie der wieder aussieht, würde kein Mensch von ihm eine gebrauchte Kutsche kaufen!, dachte der Spion hinterm Fenster. Neben ihm, unter der Lampe, der dürre Mühlhäuser, mit Papieren fuchtelnd. Und, Herbort traute seinen Augen nicht, eine Menge Sulzer, welche die Marschierer bei sich einquartieren wollten.

Vor dem „Ochsen“ am Rande des Marktplatzes, stand Konstantin Schäller und wollte gerne mitmachen. Schon im März war er bei jeder Volksversammlung dabei gewesen, und er hätte die nachgerade berühmte Sulzer Petition auch unterschrieben, wenn er denn hätte schreiben können. Der „Konde“, wie sie ihn hier nannten, konnte aber nicht schreiben. Er hatte mit 13 als Pferdeknecht im Dienst eines russischen Fähnrichs seine ostpreußische Heimat verlassen und war nach dessen unrühmlichem Tod einfach in Sulz geblieben. Der frisch beförderte Oberfähnrich hatte im Suff ein Bad im Neckar nehmen wollen und, wie so viele jedes Jahr, das „Flüsschen“ sträflich unterschätzt. Jetzt betrieb der Konde ein Fuhrgeschäft, aber nach erst dreißig Jahren in einem winzigen Häuschen in der Vorstadt lebend und mit einem „Bankert“, war er keineswegs respektabel eingebürgert. Den „Bankert“ hatte seine Magdalena in die Ehe gebracht, den Benefiz Bippus. Der Pfarrer hatte die Stirn gerunzelt, gab sich aber zufrieden, als die Magda ihm erklärte, sein Großvater habe Bonifaz geheißen, sei aber immer Benefiz gerufen worden. Der Konde und die Magda waren gut zueinander gewesen. „Alle Jahr ein Kind, bis es fünfundzwanzig sind“, hatten sie bei der Hochzeit gesungen. Aber die Magda hatte sich nicht an die Abmachung gehalten und war nach dem siebten gestorben. Er hatte nicht mehr heiraten wollen. Manchmal ging er zur Witwe Bollinger.

Als es 11 schlug, standen nur noch wenige Bürger zur Aufnahme bereit, und als der Name des Reallehrers Lang vom Mühlhäuser verlesen wurde, meldete sich der Konde dann doch. Der Mühlhäuser zögerte einen Moment und sah zum Bauernfeind hinüber; der zuckte mit den Achseln: Wir sind jetzt alle Demokraten, sollte das wohl heißen. Der Mühlhäuser nickte und trug in die Liste ein, der Lang schulterte Gewehr und Rucksack und verschwand mit dem Konde in der Nacht.

4. Lauter Strategen

Mittwoch, 27. September 1848 , kurz nach Mitternacht.

„Wir Schramberger,“ sagte der Lang eher beiläufig, „meinen inzwischen, dass wir keinen König mehr brauchen. Wie seht ihr das in Sulz?“ Auf eine Antwort wartete er erst gar nicht, der Schäller hätte sie auch nicht gewusst. „Was wir in Württemberg jetzt tun müssen ist, die Badener nicht im Stich zu lassen. Württembergische Soldaten in Freiburg, das darf nicht wieder passieren! Wir müssen den König so beschäftigen, dass er nicht mal dran denken kann.“ „Wie sieht’s denn aus in Baden?“ Der Schäller war ganz verschüchtert von so viel strategischem Durchblick. Sie standen auf der Neckarbrücke. „Der Großherzog iss woter anderte bridsch!“, sagte der Lang, der aus Göttingen kam, wo er bei Rasmus Christian Rask zwei Semester Anglistik studiert hatte, als der Kurfürst ihn wegen „politischer Umtriebe“ des Landes verweisen ließ.

„Habt ihr mitgekriegt, was in Frankfurt passiert ist?“, fragte er jetzt, und der Konde, der immer noch daran kaute, mit wem der badische Großherzog Karten spielte und warum das wichtig war, musste passen. „Dass wir eine provisorische Regierung gewählt haben, wisst ihr aber schon? Den Erzherzog Johann! Den Bruder des Kaisers! Als Chef der Revolutionsregierung! Was für ein Hohn! Und dass der österreichisches und preußisches Militär gegen unsere eigenen Leute eingesetzt hat?“ Der Konde nickte. Einerseits. Er konnte sich gut an die Wahl zur Nationalversammlung erinnern, war er doch, sehr zu seiner Überraschung als Wähler zugelassen. Und an die Hoffnungen auf einen neuen, besseren Staat, und wie sie sich rasch abnutzten, weil die Abgeordneten in der Frankfurter Paulskirche so sehr uneins waren. Schon dass der Sulzer Schultes Pfäfflin im Wahlkreis einem Stuttgarter Professor unterlag, war enttäuschend, auch wenn der Christian Frisch sich bei den „Linken“ einreihte. Aber was der Lang ihm jetzt geradezu entgegenschleuderte, war ihm neu: Der „Reichsverfauler“, pardon, Reichsverweser, der Erzherzog, ließ auf Demokraten schießen. Weshalb in Lörrach ein gewisser Gustav Struve die „Deutsche Republik“ (weg mit dem Fürstengesindel) ausgerufen und 5.000 Bewaffnete ausgeschickt habe und zu seiner Unterstützung der Fabrikant Rau in Rottweil und der Advokat Würth in Sigmaringen ebenfalls Tausende Freischärler losgelassen hätten. Der Lang redete sich richtig in Rausch: „Versteht ihr, Schäller, wir kommen den Fürstenknechten von drei Seiten!“

Von der Straßenseite kam Pferdegetrappel. Ein reitender Bote tauchte kurz im Lichtkegel auf und verschwand Richtung Marktplatz. Hatte er gestutzt, weil er den Lang erkannte?

Im Rathaus war immer noch Licht. Der Skribent Mühlhäuser schwamm auf der Welle seines Erfolgs. Erst hatte er am Abend im „Schwanen“ die eiligst einberufene Bürgerversammlung geleitet und, seinen Zweifel und seine Schüchternheit über Bord werfend, alles auf die Karte der Revolution gesetzt. Dank seiner Beredsamkeit hatte die Versammlung den Beschluss gefasst, alle wehrfähigen 20- bis 40-Jährigen sollten mit den Schrambergern losziehen. Selbst der Kommandant der Bürgerwehr, Graf von Uexküll-Gyllenband, hatte die Hand gehoben. Dann allerdings war er rasch verschwunden.
Jetzt saß der Mühlhäuser über der Namensliste, und ihm wurde klar, dass da noch zwei Dinge fehlten. Erstens mussten die Dörfer mitmachen und zweitens drohte er jetzt mit einem vollen Gulden Strafe bei Nichterscheinen. Schnell schrieb er noch den Wortlaut seines Erlasses zehn Mal ab; er sollte in aller Herrgottsfrühe auf den Dörfern ausgeschellt werden. Ja, Bürgermeisterstellvertreter, das hatte was! Danke, Herr Pfäfflin! Der Mühlhauser reckte sich und trat ans Fenster. Nanu, Licht beim Oberfaulpelz gegenüber?

Wo sind Jegglin und seine Leute untergebracht, in der „Sonne“?“, fragte der Oberamtmann Herbort den Ausscheller Spellenbeck. „Ich muss ihn dringend sprechen. Und sorgt dafür, dass der Mann wo schlafen kann!“ Er nickte dem Boten zu. „Ich hab’s immer gewusst.“ Zu Spellenbeck: „Geh’n wir also in die „Sonne“. Hoffentlich schlafen die noch nicht.“

In Waldmössingen ließ um diese Zeit der Schramberger Mohrenwirt Grüninger sein Pferd tüchtig saufen; auch er wollte zum Jegglin nach Sulz. Und im Sigmaringer Schloss brannten Kerzen in allen Räumen und Gängen. Fürst Karl Anton, seit einem Monat im Amt, trieb die Dienerschaft an: „Schnell, schnell, wir müssen hier weg! Nur das Notwendigste einpacken!“

Gasthof „Sonne“, 5 Uhr am Morgen. „Grüninger, das wissen wir schon lange!“ Auf dem Flur im ersten Stock der „Sonne“ war die ganze revolutionäre Prominenz versammelt, im geliehenen Nachthemd zwar, aber voll handlungsfähig: der Delegierte aus Straßburg, Kaufmann Moser, Carl Elias Held von der berittenen Rottweiler Bürgerwehr und der Befehlshaber Anton Jegglin. „Struve ist geschlagen, na und? Das hat uns der Herbort vor vier Stunden auch schon erzählt. Aber wir sind es nicht. Und der Würth auch nicht. Badische Truppen kommen nicht hierher. Die württembergischen sind nicht mal alarmiert. Warum sollten wir also aufgeben? Wir haben den Herbort weggeschickt, wir können nicht sagen, es tut uns leid, wir haben’s uns anders überlegt.“

„Wir sind doch keine Memmen! Ich hab’…“, Carl Elias Held brach mitten im Satz ab. Ob das der geeignete Moment war zu sagen, dass er von der Niederlage der Struveschen Truppen schon gewusst hatte, als er die Beffendorfer noch zur Teilnahme an der Revolution antrieb?

Von all dem wusste der Mühlhäuser nichts. Eine Stunde später las er vor versammelter Bürgerschaft auf dem Marktplatz die Erklärung des Fabrikanten Rau vom 25. September vor: „Die Volkssouveränität ist hiermit feierlich ausgesprochen. Mit Gott für das Volk!“ Und schloss: „Es lebe die Revolution! Auf nach Stuttgart!“

Der Auszug verzögerte sich etwas. Zu Recht wandten die anwesenden Zwangsverpflichteten ein, dass sie erst noch zuhause Ausrüstung und Verpflegung fassen und sich von der Familie verabschieden wollten. Was alles die Allermeisten von ihnen gänzlich unterließen. Die Herren Jegglin, Moser und Held bauten sich inzwischen im Amtszimmer des Behördenchefs auf und verkündeten die neue Parteilinie: „Wir ziehen nach Stuttgart, um unseren bisher unerhört gebliebenen Wünschen Nachdruck zu verleihen. Wir werden vorher fragen, ob wir mit Waffen in Stuttgart einziehen dürfen. Wenn nicht, werden wir die Waffen in einem Dorf vor der Residenz zurücklassen. Wir werden aber auf keinen Fall umkehren.“ Aha, dachte der Herbort, verzog aber keine Miene, sie merken, sie haben sich verzockt.

Der Schäller und der Lang waren beim Abmarsch auch dabei, wenn auch in durchaus verschiedenen Eigenschaften. Der Lang als Unterleutnant, der Schäller als bezahlter Dienstleister, der Fußkranke aufnehmen und Waffen und Verpflegung transportieren sollte. „Ich weiß nicht, wann ich zurück bin,“ hatte er sich von Benefiz verabschiedet. „Das kann ein paar Tage dauern.“

Aber noch am selben Abend stellte er die beiden Braunen wieder in seinen Stall.

5. Tapfer ist der Besonnene, der Tollkühne ist nur tollkühn

Mittwoch, 27. September 1848 , Müllheim, Sigmaringen, Balingen, Sulz- Mühlheim, Sulz

Aus der Vogelperspektive betrachtet, stellte sich die Lage am frühen Morgen des 27. September 1848 so dar: Gustav Struve, der Anführer des zweiten badischen Aufstands vom 21. September, seine Frau Amalie und einige Freunde saßen in Müllheim in Haft, bis auf Amalie alle in Ketten. Am 23. war über den Südschwarzwald das Standrecht verhängt worden; Struve musste mit seiner und seiner Freunde sofortigen Erschießung rechnen. Seine Freiheitskämpfer hatten sich die roten Bänder vom Arm gerissen und waren in heller Flucht begriffen, viele auf dem Weg in die Schweiz, dem traditionellen Unterschlupf der deutschen Revolutionäre.

Fürst Karl Anton war sich nicht sicher, worüber er mehr Verbitterung empfand: dass er gezwungen war, aus Hohenzollern-Sigmaringen nach Überlingen zu fliehen oder über das Scheitern seiner Verhandlungen mit der provisorischen Regierung in Frankfurt. Hatte er doch angeboten, auf alle Souveränitätsrechte zu verzichten! Ohne dass Tausende Bauern ihm mit Knütteln kamen, wie in Hechingen. Jetzt sollten ihn seine Sigmaringer kennenlernen! Er würde wiederkommen – mit Soldaten. Aus Bayern! Oder Preußen, egal! Karl Würth, du Schlange, das Grinsen wird dir noch vergehen!

Dem Würth war aber keineswegs nach Grinsen zumute: Er fand einfach keine Leute, die bereit waren, die Regierungsgewalt auszuüben. Der Sigmaringer Turnverein hatte das Militär entwaffnet, seine Leute beherrschten die Straße, mobilisierten leicht 10.000 Demonstranten, aber eigentlich wollten sie die Französische Revolution gar nicht kopieren. Lieber erst mal nix tun. Nicht zu radikal werden! Geht heim, Leute, Heu ernten!

Der Fabrikant Gottlieb Rau war auf einmal ein Häuptling ohne Indianer. Acht Uhr, Antritt der Balinger und Rottweiler Bürgerwehren und Freiheitskämpfer, so war es geplant. Nur, die Niederlage Struves hatte sich herumgesprochen, und so wollten die Rottweiler nur noch eines: nach Hause. Und kein Rau konnte sie aufhalten. Der hatte ja noch in der Nacht von „dunklen Gerüchten“ gefaselt. Fake news verbreitet, eben. Von den Balingern war erst gar keiner am Sammelplatz erschienen. Was tun? Rau nahm die Kutsche nach Sulz. Dort wollte er sich an die Spitze des Zuges setzen.

Der war indes schon abgefahren. „Wann werden die Malefizer endlich mal ’ne Straße im Tal bauen?“ fluchte der Konde jedesmal, wenn er seine Pferde die Holzhauser Steige hochtrieb. Hinter ihm ritt der Held und schaute düster. Die Sache musste doch auffliegen! Links und rechts keuchten die Schramberger. Von oben „stürmte“ es, alle Glocken zugleich, aber kein Mensch ließ sich blicken. Nach Mühlheim zu senkte sich die Straße, die Freischärler fielen in Tritt und sangen wieder: „Fürsten, zum Land hinaus, jetzt kommt der Völkerschmaus.“ „Gib schon auf!“, hörte der Jegglin die Stimme seiner Frau. „Sieh dir diese Truppe an. Die verscheuchen keine Judenschule! Und ihr kriegt es mit Soldaten zu tun, echten.“ Judenschule! Warum seine Frau Juden so hasste, war dem Jegglin ein Rätsel. Und er fand es furchtbar, wie man denen im Odenwald mitgespielt hatte. Wenn das hier schiefgeht, wer wird dann wohl der Sündenbock sein? Egal, wenn sie uns nicht gleich erschießen, kommen wir eh auf den Demokratenbuckel. Ich könnt‘ ja versuchen, nach Tennenbronn rüberzumachen. Zur Base Antonie. Im Badischen wär‘ ich erst mal sicher. Aber Antonie, da wär‘ die Frau auch dagegen. Da läuteten die Mühlheimer Glocken Sturm.

Niemand auf der Straße! Die Sonne brannte aus einem blauen Himmel. Vermutlich würden sich wieder welche verdrücken. Wenn das so weiter ging, würden sie zehn Mann hoch in Stuttgart ankommen.

Der Jegglin hatte genug. Wenn die Bauern nicht mitmachten, hatten er und seine Leute hier nix verloren. Auf dem Winkelfeld rief er zu Rast und Ratschlag. „Der Held und der Moser und die, die sind schon weiter, nach Empfingen,“ wusste einer. Wie Jegglin es schaffte, diese Truppe einzuholen, zu entwaffnen und nach Mühlheim zurückzuführen, erfuhr der Konde nie. Wohl aber wurde er Zeuge, wie der zurückgekehrte Held ganz außer sich vor Wut geriet: „Umkehren? Wo wir so weit gekommen sind?“ „Das hat der Napoleon nach Smolensk auch gesagt“, wagte sich einer aus der Deckung, „und ist in die Falle getappt!“ „Ihr Feiglinge, davonlaufen wie die alten Weiber? Ein Hundsfott, sag‘ ich, wer jetzt aufgibt!“ Die tapferen Bürgerwehrmänner schauten betreten auf ihre Stiefelspitzen. Ja, die sang- und klanglose Heimkehr würde sie schon wieder, wie beim „Franzosenlärm“, einem Riesengelächter preisgeben. „Schlagt ihn vom Pferd!“, der Sauer Anton war, wie immer, schon um zwei Uhr mittags voll. Der Aufruf blieb unbeachtet. Denn hatte der Jegglin nicht Recht? Struve geschlagen, die Rottweiler auf dem Rückzug, die Bauern abwartend. Was konnten sie allein noch ausrichten? Da schlug die große Stunde des Reallehrers Lang. „Bürger“, schrie er, „Bürger, überlegt euch genau, was zuhause passieren wird: sie werden euch verhaften, vor Gericht stellen, sie werden uns Offiziere erschießen. Wir können nicht alle über die Grenze gehen, wer soll unsere Familien…“. „Du hast doch gar keine!“, rief der Sauer. Großes Gelächter. Der Lang wartete einfach, bis es wieder ruhig wurde. „Aber ich hab‘ Charakter. Und keine Verwandten in Tennenbronn!“ Der Jegglin wurde fuchsteufelswild. „Herrgottsapperment, wer hat gesagt, dass ich mich drücken will? Aber wenn wir weitermarschieren, dann ohne Waffen!“

Da brachen sie auch schon massenhaft auf, Held vornedran, neben ihm der Fahnenträger. Ihre Waffen warfen sie dem Konde auf den Wagen, die Trommeln dazu. „Fahr‘ zurück!“, sagte der Jegglin, „stell‘ den Wagen bei dir unter, wir holen die Sachen ab.“ „Und mein Fuhrlohn?“, fragte der Schäller. „Wenn wir zurückkommen, versprochen!“

„Das glaub‘ ich jetzt nicht!“, sagte der hohenzollerische Unteroffizier zum Posten an der Empfinger Steige. „Da kommen die zum dritten Mal. Und wir können wieder nix machen. Zieh die Schranke hoch! Aber nicht wieder salutieren, Kerl!“

„Hier, dein Gulden“, sagte der Apotheker Bauernfeind zum Polizeidiener Moser drei Stunden später. „Das hätt‘ ich wirklich nicht geglaubt, dass sie nicht mal bis Horb kommen. Und der Jegglin soll fast ganz allein nach Stuttgart gefahren sein.“ „Auf der Horber Steige haben sie wieder umgedreht. ’s ist halt nie zu spät, schlau zu werden. Und was will dein Jegglin in Stuttgart machen?“ „In Cannstatt ist Volksfest.“ Sie grinsten. Politische Gegner, die sie waren, wohnten sie doch in derselben Straße. Jetzt standen sie vor Bauernfeinds Apotheke und sahen zu, wie sich der Marktplatz schon wieder füllte. Von Holzhausen kamen die Freischärler in zerzausten Gruppen und stießen zu der Volksversammlung, zu der sich Gottlieb Rau vom Balkon des Rathauses ereiferte: „Der Satan kämpft durch seine Werkzeuge, die Beamten, gegen das Volk. Wollt ihr euch das gefallen lassen?“ Die Bürger unter ihm wollten es offenbar. Rau wirkte müde und ausgelaugt. Der Mühlhäuser neben ihm war auch nicht begeistert. Oberamtmann Herbort hinterm Fenster registrierte es wohl. An eine Festnahme war dennoch nicht zu denken. „Seid ihr denn nicht der Knechtschaft müde?“ Das Volk blieb stumm.

6. Sancta justitia

Donnerstag, 27. und Freitag, 28. September 1848, Sulz, Stuttgart

Wie sieht das jetzt aus?, dachte der Schäller, als er den Wagen mit den Waffen der Freischärler auftragsgemäß in seiner Scheune abgestellt hatte. Er war ja mitten durch die Stadt gefahren. Noch bevor er den Gedanken weiterspinnen konnte, tauchte jedoch auf dem Heuboden der Blondschopf seines „Bankerts“ Benefiz auf, für den Kondes unerwartete Heimkehr einige Schwierigkeiten aufwarf, hatten doch Alexa und er die Abwesenheit des Vaters zu zwischenmenschlichen Übungen benutzt, die bislang geheim gehalten und, überhaupt bei Unverheirateten, gesellschaftlich verpönt waren. Nun gehörte der Konde zwar nicht zur „Gesellschaft“, aber wie würde er reagieren? Gelassen, wie sich herausstellte. „Kinder, Kinder“, sagte er bloß, „wovon wollt ihr leben, wenn ihr erst verheiratet seid?“

In dieser Nacht schlief er dennoch tief und fest, zum letzten Mal. Am frühen Morgen verließ Gottlieb Rau die Stadt in Richtung Oberndorf. Der Oberamtmann Herbort erfuhr es als erster; vom Kronenwirt, dessen Gesuch um Namensänderung seines Gasthofes er noch am Tag zuvor abgelehnt hatte. „Was soll das, warum wollt ihr eure Schänke in ‚Corona‘ umbenennen?“, hatte er gefragt. „Wollt ihr vornehm werden? Quod licet jovi? Schenkt lieber besseres Bier aus!“ Der Kronenwirt wünschte sich in der Tat mehr solche Gäste wie den Glasfabrikanten Rau. Aber jetzt war der weg, und Herbort wusste, was zu tun war. „Als erstes den Mühlhäuser!“, schaffte er den Moser an. „Das kannst du allein. Dann gehen wir zum Schäller. Der hat sich eine ganze Ladung Waffen unter den Nagel gerissen. Sind die Zellen in der Torstraße gerichtet?“

Über alle Straßen des Königreichs Württemberg jagten berittene Boten. Steckbriefe, Verhaftungsbefehle, diplomatische Korrespondenz. Metternich, Herr aller Spitzel im Deutschen Bund, war geflohen, aber seine Geheimpolizei las immer noch alles Gedruckte und Geschriebene. Das vermutete auch der Reallehrer Lang, der soeben in der Scheuer des Bauern Kuhring aufwachte. Ihn würden sie zuerst suchen. „Häng daun jur hed, tom duli“, hatte er auf dem Rückzug vor sich hingesungen, in stetig wachsender Angst vor der Exekution. „Pur boi, jur baund tu dai.“ Hatten die hessischen Truppen nicht Heckers Freischärler einfach erschossen? Überhaupt, der Hecker! Der schwamm gerade auf der „Hermann“ auf dem Atlantik, frei und sicher. Wo aber sollte der Lang heute Nacht schlafen?

„Michael, ich brauche einen zuverlässigen Untersuchungsrichter und einen Richter für den Oberen Neckar!“ Justizminister Römers Anweisungen waren immer knapp und klar, und, bei näherem Hinsehen, angesichts der unsicheren Zeiten, eben doch eher geniale Absicherung nach allen Seiten. Was heißt schon „zuverlässig?“, dachte der Justizassessor German Michael. Sein Chef gab sich zwar gerne als Liberaler, aber Rau und Konsorten waren ja auch gegen seine Regierung aufgestanden. Am besten also einen harten Hund für die Untersuchung und einen vom Typ „väterlich“ als Richter. Zusammen mit dem Kommissär Kern vom Hohenasperg eine geradezu göttliche Dreifaltigkeit. „Mühlhäuser!“, rief er, „Mühlhäuser, jetzt geht’s Ihrem Herrn Vetter an den Kragen. Wie finden Sie das?“ Der Sekretär Mühlhäuser musste in diesem Ministerium Spötter und Neider nahezu jeden Tag darauf hinweisen, dass er jede Art von Verkehr mit seinem revolutionären Cousin, dem schwarzen Schaf der Familie, seit Jahren unterlassen hatte. Dass Michael ihm nun einen Brief an den Gerichtsaktuar Malzahn in Künzelsau diktierte, in welchem er den Malzahn zum Untersuchungsrichter am Oberen Neckar bestimmte, missfiel ihm dennoch. Blut war schließlich dicker als Wasser. Schon erleichterter stimmte ihn, dass der Schwurgerichtshof in Rottweil unter dem Vorsitz des Obertribunalrats Freiherr von Wächter zusammentreten sollte. Jetzt kam alles auf die zwölf Geschworenen an.

7. Wer sich in Gefahr begibt

Donnerstag, 9. November 1848, Hohenasperg, Sulz, Brigittenau (Wien). 43 Tage!

Der Konde konnte es immer noch nicht fassen. 43 Tage, und noch nicht ein einziges Mal verhört! Dabei musste doch jedes Verhör seine Unschuld beweisen. Sollte er sich geschmeichelt fühlen, dass man ihn auf dem Demokratenbuckel eingekerkert hatte? Der war ja nur für bessere Leute vorgesehen. Gottlieb Rau saß hier ein, der Mühlhäuser und die „Offiziere“ vom September, Jegglin und Lang, dazu viele Mit- Marschierer, und das hätte ein Trost sein können, aber sie durften nicht einmal miteinander reden. Dabei hätte die Prominenz so viel zu erzählen gehabt: Wie der Rau den Landjäger in Oberndorf schier anflehen musste, ihn zu verhaften. Wie der Jegglin sich auf eigene Kosten in einer Mietchaise von Schramberg zum Hohenasperg fahren ließ, während andere zum Haftantritt zu Fuß gingen. Wie manche gefragt wurden, ob sie eine Einzelzelle wollten oder lieber Gesellschaft. Wie man sich auf eigene Kosten Schweinebraten und Bier beschaffte. Welch schwunghaften Handel die Wärter trieben mit Schreibzeug und Kautabak. Der Konde konnte nicht schreiben, und der Braten war ihm zu teuer.

Was die Wärter nicht verhindern konnten oder wollten, war, dass die ganze Zellenzeile in Anfällen von Galgenhumor gelegentlich sang, am liebsten selbstironische Gassenhauer: „Ja, ich bin klug und weise und mich betrügt man nicht“, wobei sie die Texte gerne bis zur Kenntlichkeit veränderten. „Wir stecken in der…“. Was reimte sich nochmal auf „weise“? Der Rau, vornehm, wie er war, sang sowas natürlich nie mit. Auch der „schlafende Posten am Strande der Donau“ war nicht seins. Dann schon eher, wenn sie „Kein schöner Land in dieser Zeit“ quälten. Was sollte man auch von diesen verrückten Anklagen halten?! Der Sulzer Oberamtmann hatte beispielsweise den Konde allen Ernstes nicht nur der Teilnahme am Aufstand beschuldigt, des Hochverrats, darunter tat er’s nicht, nein, jetzt sollte er auch noch die Waffen seiner Genossen gestohlen haben, um sie zu versilbern. „Zeigen Sie mir doch irgendetwas Schriftliches von Herrn Jegglin, eine Rechnung, einen Fuhrauftrag, irgendwas!“ Und hatte ihn gleich wegen besonderer Gefährlichkeit hierher verlegen lassen. Na ja, der Bene hatte dem Herbort eine Tracht Prügel angedroht. Das war natürlich dumm und half keinem, aber der Konde war dennoch stolz auf ihn. Eine Weile jedenfalls. Aber 43 Tage! Wann würde der Kommissär Kern ihn endlich dem Jegglin gegenüberstellen? Denn, dass der ihn verleugnen würde, glaubte der Konde nicht.

Mittlerweile kämpfte in Sulz der Benefiz, der als einziger dafür in Frage kam, mit dem Rathaus um die Erlaubnis, den väterlichen Fuhrbetrieb „im Interim“ selbständig zu führen. Von den Geschwistern seiner Mutter lebten nur noch zwei: Andreas war nach Amerika ausgewandert, Edeltrudis hatte in der Schweiz den Schleier genommen, war jetzt Schwester Oberin. Die vier überlebenden Halbschwestern waren allesamt auswärts verheiratet. Der Aktuar Mayer wollte ihm deshalb einen Vormund aufs Auge drücken, schließlich war der Bene erst 24, also gar kein richtiger Gemeindebürger, und, zu allem Überfluss, hatte Vater Schäller sich seit Jahren um die Zahlung der gemeindlichen Wohnsteuer mit dem Holzkopf Mayer gestritten. Mit dem Vater im Zuchthaus, blieben manche Fuhraufträge aus, obwohl der Bene genauso tüchtig und fleißig war wie der Alte, das gaben alle zu. Aber „Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen“, sowas haftete. Im November wusste der Bene nicht, woher er das Geld nehmen sollte, um seine Braunen zu füttern. Ja, Pferde, die fraßen den sauteuren Hafer auch, wenn sie nur im Stall standen; waren eigentlich Luxus. Sollte er auf Ochsen umsteigen? Die Konkurrenz würde sich ins Fäustchen lachen. Hatte denn die Alexa so gar nix beiseitegelegt? Nicht nur das, sie hatte auch eine weitere Neuigkeit parat, die sich mit dem Heu und der Scheuer erklärte. Auch das noch!

„Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Leb wohl, theures Weib! Betrachte unsere Kinder als theures Vermächtnis, mit dem Du wuchern musst, und ehre so Deinen treuen Gatten. Tausend, tausend, die letzten Küsse von Deinem Robert. Die Ringe habe ich vergessen; ich drücke Dir den letzten Kuss auf den Trauring. Mein Siegelring ist für Hans, die Uhr für Richard, der Diamantknopf für Ida, die Kette für Alfred als Andenken. Man kommt! Lebe wohl! Wohl!“ Der das am frühen Morgen des 9. November schrieb und alsbald in der Wiener Brigittenau auf Betreiben der Regierung Schwarzenberg jedem geltenden Recht zum Hohn erschossen wurde, war Robert Blum, einer der besten Köpfe der Revolution, die vielen damit gescheitert schien. „Die mörderische Kugel“, sagte Pfarrer Sprißler auf der Totenfeier für den bis dato prominentesten Märtyrer der Revolution am 27. November, „ist durch alle Herzen gefahren“. Wieder standen sie zu Hunderten auf dem Sulzer Marktplatz, nahmen zur Kenntnis, dass ein katholischer Geistlicher Blum als Erlöser der Menschheit mit Jesus Christus gleichsetzte. Und begruben die Revolution in ihren Herzen. Vier Monate lang. Dann war wieder Ostern.

8. Die obligateste Ruhe und Stille

Frühjahr 1849, Sulz.

Die Grabesstille in Sulz zerrissen an einem Samstag im März zwei Schreie. Der erste kam von dem strammen Jungen, den Alexa ganz allein zur Welt gebracht hatte; der zweite, einige Stunden später, von Benefiz, der fassungslos vor ihrer Leiche kniete. Der Konde konnte ihn nicht trösten. Er stand daneben, nur noch Haut und Knochen. Im Januar hatten sie ihn endlich verhört, dann, nach der Aussage des Jegglin, entlassen. Sein Fuhrgeschäft hatte Konkurs angemeldet, die Schällers und Alexa waren in einer elenden Hütte unter dem Gähnenden Stein untergebracht worden. Am Abend von Alexas Armenbegräbnis ging der Bene in den Wald und hing sich auf. Der Konde lebte weiter. Es gab halt Einiges zu regeln, erst die Amme, dann die Bestattung, schließlich die Adoption. Die Eheleute Binder aus Bickelsberg, Oberamt Sulz, kinderlos, bigott, suchten einen Jungen zur Übernahme ihrer Bäckerei und ihrer Pflege im Alter. Unter der Bedingung, dass „Jasper Gerrit Binder“ niemals erfuhr, wer er war.

Nachdem also alles seine Ordnung hatte, war es reiner Zufall, dass der Schäller sich nicht zu Bene und Alexa gesellte. Allerdings sah er im hohen Alter mit wachsender Überzeugung das Walten einer höheren Macht darin, dass er, nachdem er seine Bude aufgeräumt, abgeschlossen und den Schlüssel in die Dachrinne gelegt hatte, auf dem kurzen Weg in den Neckar der Witwe Bollinger begegnete, die, in Kenntnis seiner Situation seine Absicht erratend, ihn erst ansprach, dann kurzerhand abschleppte. Seitdem ihr Schwager, der Schultheiß Fidel Bollinger von Oberndorf, sich vor Gericht wegen angeblichen Hochverrats verantworten musste, machte die Witwe aus ihrer Verachtung der herrschenden „Ordnung“ keinen Hehl mehr. Und leisten konnte sie es sich dreimal, war sie doch dank der Tüchtigkeit ihres verewigten Gemahls als Floßunternehmer die wohlhabendste Person im Ort. Dass der Pfarrer sie von der Kanzel, ohne Namensnennung, aber so, dass es jeder verstand, als Jezebel apostrophierte, ließ sie kalt, solange der Konde sie warmhielt.

Seit der Schäller und der Mühlhäuser am gleichen Tag den Hohenasperg verlassen hatten, waren sie Freunde geworden. Dabei war ihre Lage höchst unterschiedlich. Der Schäller war frei, der Mühlhäuser auf Kaution entlassen worden und wartete auf sein Hochverratsverfahren. Die 1000 Gulden hatte ihm Stadtschultheiß Pfäfflin vorgestreckt, aber ohne die Petitionen der „politischen Bürgergesellschaften“, die jetzt im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden sprossen, wäre er nie freigekommen. Der Schultes hatte den beiden sogar Stehplätze hinten auf den Postkutschen spendiert, sodass sie noch am gleichen Tag nach Sulz zurückkamen. Da der Konde nun bei der Witwe Bollinger wohnte, hockten sie regelmäßig in ihrer Küche und politisierten, misstrauisch beäugt vom Personal; die Köchin berichtete regelmäßig an den Landjäger. Die Bollinger war eine blitzgescheite Person, und sie war es, die die zündende Idee hatte, welche zwei Jahre später zum Freispruch des Mühlhäuser und seiner Mitangeklagten in ihrem großen Aufsehen erregenden Prozess vor dem Rottweiler Schwurgericht führte. Und das kam so: Wieder einmal ging es um die mitgeführten Waffen. In jedem Ort hatten die Schultheißen die Freischärler angeschafft, ihre Gewehre und Sensen zurückzulassen. „Was hat der Jegglin meinem Schwager damals erwidert?“, fragte die Witwe. „Mir hat er auf dem Marktplatz erzählt“, erinnerte sich der Mühlhäuser, „er hat gesagt, dass kein württembergisches Gesetz das Tragen von Waffen im freien Feld verbietet.“ „Nicht gut genug,“ murrte die Bollinger, „innerhalb des Ortsetters wart ihr ja auch. Wir brauchen was Besseres.“ „Wir wollten sie ja niederlegen, sobald wir vor Stuttgart standen.“ „War das nicht leichtsinnig?“, warf der Konde ein. „In diesen Zeiten?“ „Mensch, du bist genial,“ die Witwe schrie es geradezu, „natürlich, die Zeiten waren gefährlich, für alle – auch für den König! Lass denken! Ich hab’s, zum Schutz des Königs (!) seid ihr bewaffnet nach Stuttgart gezogen!“ „Und ich“, schrie der Mühlhäuser jetzt wirklich, „hab‘ nur für Ruhe in der Stadt gesorgt, schließlich wussten wir nicht, was dem Pöbel einfallen würde. Die neuen Scheiben im Oberamt waren noch nicht mal bezahlt.“ „Wo bleibt da die Logik?“ Der Konde guckte schräg, sein Einwurf hatte in eine ganz andere Richtung gezielt und der „Pöbel“ gefiel ihm nicht. „Du hast doch alle jungen Männer zum Ausmarsch zwangsverpflichtet.“ „Ja eben, so konnten sie keinen Unfug im Städtle anrichten.“ „Junge, Junge, wenn das mal …“. „Das geht gut“, sagte seine Frau und Meisterin, „überleg doch mal, was die für Geschworene kriegen werden. Die wollen doch nicht alle nach dem Prozess wegziehen. Ich schreib‘ gleich dem Fidel, dass sie in toto so plädieren sollen.“ Die Köchin hinter der Tür verwünschte zum wiederholten Mal den affektierten Sprachgebrauch der Herrschaft.

Fortsetzung folgt...

Autor:

Klaus Schätzle, geb. 1948
Lokalhistoriker mit ausgeprägter Schwäche für „Geschichte von unten“.